The Levellers – Köln Kantine 16.10.2012 Konzertreview

Eines wird schnell klar, die Kantine bietet an dem Abend viel Platz zum Tanzen und aus sich rausgehen. Bei der britischen Band The Levellers ist dies auch angebracht. Schwungvolle irish-geprägte Folkmusik, aber mit deutlich mehr Rock- und Punkeinflüssen als bei den Veteranen der Pogues erwartet die Leute bei dem Gig in der nur halb gefüllten Halle. Doch bevor es soweit ist, trägt Jochen Speck – eigentlich ein Veranstalter – Passagen aus seinem Buch BACKSTAGE DIARIES vor. Unterstützung holt er sich dafür beim Kölner Singer-/ Songwriter Henning Neuser, der zwischen den Kapiteln eine Coverversion von New Model Armys „Green and Grey“ anstimmt. Diese kann zwar dem Original nicht im Entferntesten das Wasser reichen, doch das ist noch nicht das Schlimmste. Bei der Lesung selbst wird deutlich, dass Specks Stärke definitiv nicht im Vorlesen liegt. Zu oft verhaspelt er sich, betont schlecht und der Text wechselt häufig zwischen Gedanken und Rede, sodass Zuhören schwer fällt.
Speck hat jedoch auch die falschen Rahmenbedingungen. Hier stehen Leute, die heiß auf ein Konzert sind und nicht bedächtig zuhören möchten. Aus diesen Gründen unterhalten sich die Leute vermehrt, so dass es unmöglich wird, sich auf ihn zu konzentrieren. Da hilft auch nicht, dass Neuser selbst noch ein paar Lieder aus seinem Repertoire anstimmt. Gute, glatte Stimme aber eben alles zu glatt und weichgespült. Insgesamt geben beide keine gute Visitenkarte ab, für einen Support der Levellers in so einer großen Halle.

Umso erfreulicher, dass es sich in der üblichen Umbaupause deutlich füllt und die Levellers nicht lang auf sich warten lassen. Nach einem instrumentalem Opener stimmt Mark Chadwick den perfekten Song zur Eröffnung des Sets an:“What A Beautiful Day“ und die Kantine tanzt. Leider fehlt Simon Friend, der zweite Sänger – der bei einigen Songs aber auch die Hauptstimme singt – da er sich aus familiären Gründen eine Auszeit nimmt. Der Stimmung tut dies zwar keinen Abbruch, schmälert das Repertoire der Band aber schon. Die deutlich rauere Stimme ähnelt etwas einem Justin Sullivan, dem Sänger der New Model Army. Positiv anzumerken ist, dass sein Ersatz aber auch das aller übrigen Bandmitglieder enorm ist. Auch ohne Simon Friend klappen die Songs und der Funke sprüht auf das Publikum über.
The Levellers wissen auch um die Bedeutung ihres erfolgreichsten Albums LEVELLING THE LAND und präsentieren fünf Stücke daraus und verweisen dadurch das aktuelle Album STATIC ON THE AIRWAVES auf die Plätze. Schnellere Songs wie „Liberty“ oder „Riverflow“ begeistern zum Tanzen und Pogen, langsamere Stücke wie „Carry Me“ bieten Zeit zum Luft holen. Dass stimmungsgebende Instrument ist bis auf wenige Ausnahmen die Geige. Sie gibt mit Schlagzeug zusammen Takt und Tempo vor und entscheidet über Ballade oder Folkrock.
Jeglicher Stress über Tag, der Ärger über den Support oder andere Sorgen scheinen verflogen, als die Levellers nach rund 90 Minuten das eigentlich zu kurze Konzert beenden. Glückliche, verschwitzte Menschen auf und vor der Bühne. Dafür sind Konzerte gemacht!

Setlist:

Intro
Beautiful Day
The Game
15 Years
Truth Is
The Road
Sell Out
Medusa
Before The End
Mutiny
Boatman Jig
Forgotten Towns
One Way
Hope Street
Carry Me
Dirty Davey
Riverflow
Cholera Well
Far From Home
Recruting Seregant
Liberty
What You Know

(Jan Rombout)

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